Tautropfen

Jahreslosung 2023

Du bist ein Gott, der mich sieht!

Wer am lautesten schreit, kriegt am meisten vom Kuchen ab. Ohne plakative Aufmachung, ohne mediale Verstärkung, läuft nichts mehr. Unsere Augen, wie alle Sinne, sind auf Spektakel geeicht, wirklich "Sehen" können sie schon lange nicht mehr.

Vor überflutenden Bildern übersehen wir allzu leicht das wirklich Wichtige in unserem Leben. Denn das kommt häufig (wenn nicht meistens) recht unscheinbar daher. Schade für uns, wenn wir das verpassen.

Rührend die Geschichte der beiden Verliebten im Traugespräch: Seit dem Kindergarten wuchsen sie nebeneinander auf, in der Grundschule und auf der Realschule waren sie auf einem Schulhof zusammen, unterbrochen von ein paar Jahren Ausbildung arbeiteten sie dann jahrzentelang in derselben Firma. Nichts passierte.

Doch vor zwei Jahren, beide brachen damals insgesamt 152 Lebensjahre zusammen,"funkte" es. Nach so langer Zeit des "Über-sehens" jetzt mit einem Mal das "Sehen". 76 Jahre hatten sie und er gebraucht, um zu "sehen", dass die Chance ihres Lebens vor ihnen stand, und sie füreinander bestimmt waren.

Mit Gott ist das anders: ER sieht mich vom ersten Tag meiner Geburt an. Er sieht mich schon, bevor mir meine Eltern als frisch geborenen Menschenkind in die Augen geschaut haben. Ja, ER sieht mich sogar schon als Bild in seinem Herzen, bevor ich überhaupt gezeugt worden bin. ER sieht mich auch dann, wenn ICH ihn in meinem Leben übersehe, von ihm nichts wissen will und kann.

"Du bist ein Gott, der mich sieht", flüstert Hagar, die schwangere ägyptische Magd des Hebräers Abraham, vor der wütenden Eifersucht ihrer Herrin Sara in die Wüste geflohen, am Rande des Krepierens. Seit Tagen die brutale Sonne der Wüste. Seit Stunden kein Wassertropfen mehr in der Kehle. Seit Minuten die Gewissheit: Der Moment ist da - das Ungeborene in ihrem Bauch drängt schon heftig nach der Tür ins Licht.

Im Gleißen der Sonne sieht Hagar das Glänzen der liebevollen Augen Gottes, und findet Kraft zum Durchhalten. Wo kann ich in meinem Leben, in dem was mir Schmerzen, Angst oder Trauer bereitet, Gottes zärtlichen Blick erspüren?

Nach der Durststrecke von Corona und angesichts von Krieg und Chaos steht dies ziemlich oben auf der Liste meiner Vorsätze für 2023: Mich berühren zu lassen vom offenen Blick Gottes. Er schaut nicht an mir vorbei oder über mich hinweg. Er blickt mir ins Gesicht und schaut in mein Herz. In Jesus ist er für mich sichtbar geworden und begegnet mir "auf Augen-Höhe". Ich darf seinen Blick erwidern.

Pfr. Andreas Brügmann